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Wie frei ist die Frau im Kosovo?

Aktualisiert: 1. Juni 2022

Gesellschaftliche und kulturelle Hintergründe der eingeschränkten Frauenrechte im Kosovo

Dafine Isufi: 10.05.2022

Copyright: Dafine Isufi

Bürgerinnen und Bürger in Europa können sich auf die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen berufen, in der gleiches Recht für alle Menschen festgeschrieben ist. Wenn Frauenrechte in den Blick genommen werden, erfahren diese immer noch Einschränkungen, wobei Länderunterschiede zu beobachten sind. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Faktor kann Kultur sein.

Wie sieht die Situation im Kosovo aus? Was wurde erreicht und mit welchen Schwierigkeiten haben Frauen nach wie vor zu kämpfen?



Frauenleben im Kosovo

Die Rechte von Frauen im Kosovo sind eingeschränkt, sodass das Leben für Frauen nicht ganz einfach zu gestalten ist. Für Frauen, die keine Unterstützung, keine Arbeit und damit auch kein Einkommen erzielen, kann das Leben sogar gefährlich sein. Beispielsweise sind Frauen in hohen öffentlichen Ämtern selten und haben dort Schwierigkeiten, sich zu behaupten und anerkannt zu werden.



Frauen selbst stützen sich auf die Errungenschaften zur Geschlechtergleichstellung, etwa dass die Frauenquote im kosovarischen Parlament 30 Prozent beträgt. Allerdings führen diese oberflächlichen Errungenschaften zu Selbstzufriedenheit und Blindheit gegenüber massiver Unterdrückung von Frauen in anderen Bereichen.




Kosovarisches Parlament. Foto: Arian Selmani, 14 November 2009






Der Kosovo kann auf die erste Präsidentin in Südosteuropa stolz sein und auch Ministerinnen und Botschafterinnen hielten Einzug in wichtige Machtzentren, womit das Ziel erreicht wurde, Frauen in hohen Ämtern zu positionieren.




Official portrait of President of Kosovo Vjosa Osmani,


Copyright: Republic of Kosovo



Doch damit dürfen wir uns noch nicht zufriedengeben. Nach wie vor werden Frauen selten am Erbe ihrer Eltern beteiligt und der Zugang zu Eigentum ist sehr eingeschränkt.

Daraus ergeben sich Probleme beim Zugang zu Finanzmittel, was eine wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen kaum möglich macht.



Kulturelle Normen und Geschlechterungleichheit

Obwohl Frauenrechte gesetzlich verankert sind, stehen oft traditionelle Normen über dem Gesetz. Um die Familienharmonie aufrecht zu erhalten, verzichten Frauen freiwillig auf den ihnen gesetzlich zustehenden Erbteil, wodurch männliche Nachkommen das gesamte Erbe antreten können. Diese Traditionen müssen überdacht werden, um Geschlechterungleichheiten nicht weiter zu prolongieren.

Anlässlich des diesjährigen Weltfrauentags drückte eine Frau aus dem Kosovo diesen Zwiespalt zwischen erkämpften Rechten und Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen folgendermaßen aus:


“Ich gehöre nicht zu denen, die nur schwarzsehen. Aber an Tagen wie diesen, die mehr als Erfolge sind, müssen wir Frauen, als Gesellschaft uns daran erinnern, wie viel Arbeit wir noch vor uns haben. Ich fühle mich nicht wohl dabei, das auszusprechen. Aber alles andere, was ich versucht hätte zu sagen, wäre einfach unwahr gewesen“.


Diese Aussage macht deutlich, dass Frauen im Kosovo immer noch in vielerlei Hinsicht mit Ungleichheit konfrontiert sind, obwohl ihnen bewusst ist, dass die Gleichstellung der Geschlechter einer der Grundwerte einer demokratischen Gesellschaft darstellt.

Würde in die Gleichstellung der Geschlechter mit Nachdruck investiert werden, würde sich nicht nur das Leben von Mädchen und Frauen verbessern, sondern auch die Lebensweise von Jungen und Männern.



Wirtschaftliche und soziale Vorteile durch Geschlechtergleichstellung


Die Wissenschaftlerin Ajete Kerqeli, deren Forschungsschwerpunkt auf Gender- und LGBTQ-Themen im Kosovo liegt, fand heraus, dass das Bruttosozialprodukt in Ländern mit gleichen Bildungschancen für Frauen und Männer um bis zu 25 Prozent höher ist als in Ländern, in denen dies nicht der Fall ist. Auch landwirtschaftliche Erträge könnten um bis zu 20 Prozent steigen, wenn Chancengleichheit zwischen Bäuerinnen und Bauern bestehen würde.







Untersuchungen zur Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf dem Arbeitsmarkt zeigen, dass die Beseitigung der geschlechtsspezifischen Diskriminierung bei Beschäftigung und Entlohnung nicht nur das Einkommen der Frauen, sondern auch das Volkseinkommen erhöht.


Die Infragestellung von Geschlechterrollenstereotypen und die Schaffung gleicher Beschäftigungschancen für Männer und Frauen würden auch dazu beitragen, die traditionelle Rolle des Mannes, als Rückgrat der Familie, zu verändern. Vom Mann wird nämlich erwartet, dass er sein Leben der Arbeit widmet, um das Wohlergehen der Familie zu sichern. Somit ist er zu einem großen Teil vom Familienleben ausgeschlossen.

Geschlechtergleichstellung würde dazu führen, Entscheidungsfindungen zu vereinfachen und Verantwortung aufzuteilen. Ein erfüllteres Familienleben wäre die Folge, weil eine auf Geschlechterstereotypen basierende Mentalität sowohl Frauen als auch Männer im Bewusstsein versklavt.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Schaffung von Chancengleichheit für beide Geschlechter positive Auswirkungen in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht hat, denn es ist für jedes Land unmöglich, bedeutende Veränderungen zu erreichen, wenn das Potential von Männern und Frauen nicht genutzt wird.

Für die kosovarische Gesellschaft, in der nach dem Zweiten Weltkrieg über 90 Prozent der Bevölkerung Analphabeten waren, für eine Gesellschaft, die ständig unterdrückt und an den Rand gedrängt wurde, sind seit einigen Jahren Fortschritte sichtbar.


Aber solange Frauen keine Anerkennung als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft entgegengebracht wird und die Gleichstellung der Geschlechter in allen Bereichen, sei es im Dorf oder in der Stadt, in der Politik oder in der Wirtschaft, im Büro oder in der Beziehung, nicht erreicht ist, ist der Kampf nicht vorbei.

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